Chur zu Fuss: Rundgang durch die älteste Stadt der Schweiz
Chur bezeichnet sich selbst gerne als älteste durchgehend besiedelte Stadt der Schweiz, und wer durch die Gassen der Altstadt geht, merkt schnell, warum das mehr als eine touristische Floskel ist. Spuren reichen von frühen Siedlern über die Rätier und die römische Verwaltung bis zum mittelalterlichen Bischofssitz und der heutigen Kantonshauptstadt. Diese Schichten liegen nicht getrennt in Vitrinen, sondern übereinander in denselben Mauern, an denen du im Alltag vorbeigehst. Ein Rundgang durch Chur lohnt sich deshalb weniger wegen einzelner Sehenswürdigkeiten, sondern wegen der Dichte an Zeit, die auf engstem Raum sichtbar wird.
Start am Bahnhof: der unspektakuläre Übergang in die Altstadt
Der Bahnhof Chur eignet sich als Ausgangspunkt, weil er direkt an die Innenstadt anschliesst und weil hier mehrere Bahnlinien zusammenlaufen, darunter die Strecken der Rhätischen Bahn in die Bündner Täler. Von der Bahnhofhalle aus überquerst du den Bahnhofplatz und näherst dich über die Poststrasse oder die Grabenstrasse der historischen Altstadt. Der Übergang ist bewusst unauffällig: keine Torbögen, keine Hinweistafeln, einfach eine allmähliche Verdichtung von älteren Fassaden. Genau das macht Chur aus, die Altstadt ist kein abgeschlossenes Freilichtmuseum, sondern ein Ort, an dem Bäckereien, Anwaltskanzleien und Bushaltestellen zwischen jahrhundertealten Häusern liegen.
Reichsgasse und Arcas: die belebte Hauptachse
Die Reichsgasse ist die zentrale Fussgängerachse der Altstadt und war schon früh die wichtigste Handelsstrasse der Stadt. Erker, bemalte Fassaden und schmiedeeiserne Wirtshausschilder reihen sich hier aneinander, dazwischen kleine Boutiquen und Cafés. Die Gasse mündet in den Arcas, einen länglichen Platz mit Brunnen, der seit langem als Markt- und Treffpunkt dient. Unter den Arkaden sitzen tagsüber vor allem Einheimische, an Markttagen kommen Stände mit Bündner Produkten dazu.
Wann es hier voll wird
Am Samstagvormittag, wenn der Wochenmarkt läuft, ist die Reichsgasse merklich belebter als an einem gewöhnlichen Werktag. Wer die Altstadt ruhig erleben will, startet früh am Morgen, bevor die Läden öffnen. Das Licht fällt dann flach zwischen die Häuserzeilen, das Pflaster liegt noch im Schatten, und die meisten Tagesausflügler, die erst mit einem späteren Zug ankommen, verpassen diesen Moment komplett.
Bischöflicher Hof und die Kathedrale
Von der Reichsgasse führt die Kirchgasse hinauf zum Bischöflichen Hof, dem ummauerten Bezirk rund um die Kathedrale. Dieser obere Teil der Altstadt liegt spürbar höher und wirkt deutlich ruhiger als die Gassen unten, fast wie ein eigener, klösterlich abgeschiedener Bereich. Die Kathedrale selbst vereint romanische und gotische Bauteile aus unterschiedlichen Epochen und gilt als eines der ältesten durchgehend genutzten Bistumszentren nördlich der Alpen. In der Krypta wird der Überlieferung nach der heilige Lucius verehrt, dem eine frühe Rolle bei der Christianisierung der Region zugeschrieben wird. Es lohnt sich, langsam um den Hof herumzugehen, denn von der Terrasse am Rand öffnet sich ein Blick über die Dächer der Altstadt bis zu den ersten Hängen des Calanda.
Was viele überschätzen
Der klassische Blick von der Bahnhofseite auf die Altstadt wird in vielen Reiseführern angepriesen, ist in der Realität aber eher unspektakulär, weil Gleisanlagen und Strassen den Blick zerschneiden. Deutlich lohnender ist der Ausblick vom Bischöflichen Hof hinunter auf die Gassen, der aber von den meisten Tagesgästen übersehen wird, weil er etwas abseits der Hauptroute liegt und keinen eigenen Wegweiser hat.
Rathaus, Obertor und die stillen Seitengassen
Zurück in der unteren Altstadt lohnt ein Abstecher zum Rathaus an der Poststrasse, einem der ältesten weltlichen Gebäude der Stadt mit einem markanten Holzerker. Wenige Schritte weiter erinnern das Obertor und Reste der ehemaligen Stadtmauer daran, dass Chur einst befestigt war. Wer Zeit mitbringt, sollte in Seitengassen wie die Kupfergasse oder die Sennhofstrasse einbiegen. Dort wohnen bis heute Menschen in Häusern, deren Grundmauern auf mittelalterliche oder sogar spätrömische Fundamente zurückgehen sollen. Hinweistafeln gibt es kaum, was den Rundgang authentischer, aber auch etwas anspruchsvoller in der Orientierung macht. Eine grobe Altstadtkarte, wie sie am Bahnhof oder bei Chur Tourismus erhältlich ist, hilft, keinen der kleinen Plätze zu übersehen.
Kornplatz und Sennhofareal: Handel und Wandel
Nördlich der Reichsgasse liegt der Kornplatz, früher Umschlagplatz für Getreide, heute ein ruhigerer Platz mit einzelnen Cafés und wenig Durchgangsverkehr. Von dort führt ein kurzer Weg zum Sennhofareal, wo ehemalige Gewerbebauten heute Ateliers und kleine Kulturräume beherbergen. Dieser Teil der Altstadt wird von den meisten Tagesgästen ausgelassen, weil er nicht direkt auf der üblichen Route zwischen Bahnhof und Kathedrale liegt. Dabei zeigt gerade dieses Viertel gut, wie Chur alte Bausubstanz weiterverwendet, statt sie zu musealisieren.
Plessur und Rhein: Wasser als roter Faden
Chur liegt nahe der Mündung der Plessur in den Rhein, und dieses Zusammentreffen zweier Flüsse erklärt, warum sich hier seit jeher Handelswege kreuzten. Ein kurzer Abstecher an die Plessur, die am Rand der Altstadt entlangfliesst, eignet sich gut für eine Pause zwischen den Gassenbesichtigungen. Der Fluss wirkt hier deutlich wilder und alpiner als der träge fliessende Rhein weiter flussabwärts, was einen guten Kontrast zur dichten, steinernen Altstadt bildet.
Praktische Hinweise für den Rundgang
Der gesamte Rundgang lässt sich in wenigen Stunden zu Fuss bewältigen, da die Altstadt kompakt ist und die wichtigsten Punkte nahe beieinanderliegen. Festes Schuhwerk ist sinnvoll, weil viele Gassen mit unebenem Kopfsteinpflaster belegt sind und der Aufstieg zum Bischöflichen Hof über einige Stufen und Steigungen führt. Chur lässt sich gut mit dem Zug erreichen und eignet sich sowohl als eigenständiges Tagesziel als auch als Zwischenstopp auf dem Weg in die Bündner Bergtäler oder Richtung Arosa und St. Moritz. Wer den Rundgang mit anderen Zielen kombinieren möchte, kann von der Altstadt aus problemlos zur Talstation der Standseilbahn auf den Brambrüesch weiterlaufen, die einen Ausblick auf die Stadt aus einer ganz anderen Höhe bietet. Für den Altstadtrundgang selbst braucht es keine besondere Ausrüstung, ausser vielleicht einer Wasserflasche und einer Kopfbedeckung an heissen Sommertagen, da einige Gassen wenig Schatten bieten und sich in den engen Strassenzügen die Wärme staut.
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